Äthiopien

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Sicherung der Welternährung als zentrale Aufgabe des Agrarsektors
Bei DLG-Wintertagung 2012 unterschiedliche Auffassungen über die Zielerreichung und die Verantwortung Europas

Die Welternährung sicherzustellen, ist die zentrale Aufgabe des weltweiten Agrarsektors. Dies war der Tenor der Hauptvortragsveranstaltung der Wintertagung 2012 der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), die gestern, am 12. Januar, in Münster/Westfalen stattfand. Wie dies zu erreichen ist und welche Rolle die Landwirtschaft in Europa einnehmen muss, dazu gab es allerdings unterschiedliche Auffassungen.

Nach Ansicht von DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer und Prof. Matin Qaim von der Universität Göttingen muss die landwirtschaftliche Produktion angesichts der weltweit wachsenden Bevölkerung gesteigert werden, was vor dem Hintergrund von Klimawandel und knapper werdender Ressourcen eine große Herausforderung darstellt. Beide betonten, dass hierbei auch Europa Verantwortung übernehmen und durch eine produktive und effiziente Landwirtschaft, insbesondere auf den Gunststandorten, zur globalen Versorgungssicherung beitragen muss. Für den Grünen-Abgeordneten im Europäischen Parlament Martin Häusling ergibt sich Europas Produktivität mitnichten aus der naturräumlichen Gunstlage und landwirtschaftlichen Schlagkraft. Seiner Meinung nach produziert Europa hochgradig ineffizient. Die Produktionsmethoden, insbesondere in der Tierhaltung, hält er für äußerst fraglich. Die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe Bärbel Dieckmann sieht das Hauptproblem des weltweiten Hungers in der ungleichen Verteilung der Einkommen. Die landwirtschaftliche Überproduktion in Industrieländern kann ihrer Meinung nach kaum dazu beitragen, den Hunger in armen Ländern zu beseitigen. Eine zu große Abhängigkeit der Entwicklungsländer vom Weltmarkt führt nach ihrer Auffassung bei volatilen Nahrungsmittelpreisen zu noch mehr Hunger.

Für den Parlamentarischen Staatssekretär bei der Bundeslandwirtschaftsministerin Peter Bleser ist eine Nahrungsmittelsteigerung nur durch eine moderne und nachhaltige Landwirtschaft zu gewährleisten In seiner Grußansprache betonte er, dass neben der Forschung insbesondere auch landwirtschaftliche Kooperationen mit anderen Staaten von entscheidender Bedeutung sind. So zeigt ein gemeinsames Projekt des deutschen Bundeslandwirtschaftsministeriums mit der Wirtschaft in Äthiopien, dass die Menschen vor Ort ihre Nahrungsmittelproduktion über moderne und Ressourcen schonende Landwirtschaft steigern können. Ferner hält er es für wichtig, gemeinsam Lösungen zur Reduzierung der Ernteverluste und zur Verbesserung der Lagerhaltung zu entwickeln. Auch verwies Bleser darauf, dass vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung und einer gleichzeitig stattfindenden Reduzierung der Anbaufläche eine breite Stilllegung von Flächen, wie sie die EU-Kommission in ihren Plänen zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2013 vorschlägt, der falsche Weg ist.

Mögliche Ertragspotenziale nützen

Für den DLG-Präsidenten ist klar, dass eine hochqualifizierte, innovative Region Europa ihre intellektuellen, infrastrukturellen und natürlichen Potenziale – im besten Sinne der Nachhaltigkeit – nutzen muss. Die möglichen Ertragspotenziale sollten dabei unter Einsatz von Know-how und innovativer Technik, ressourcenschonend und unter Beachtung gesellschaftlicher Zusammenhänge ausgeschöpft werden. Dazu bedarf es, so der DLG-Präsident, nicht zuletzt einer intensiven, interdisziplinären und länderübergreifenden Forschung. Auch sieht er die Lösung des Welternährungsproblems zunächst als eine Aufgabe, die in den Ländern des Mangels angegangen werden müsse. Hier seien intelligente, auf die Standorte und ihre sozialen Rahmenbedingungen ausgerichtete Produktionssysteme gefragt. Europas Verantwortung liege im fairen, unbeschränkten grenzübergreifenden Know-how- und Güteraustausch, um den „globalen Brotkorb“ gemeinsam zu füllen. Ein wichtiges Element sind daher die WTO-Verhandlungen, die nach intensiver Diskussion bald zum erfolgreichen Abschluss geführt werden müssen.

Professor Qaim hält eine deutliche Produktionssteigerung für möglich, auch ohne dabei die natürlichen Ressourcen zu überstrapazieren, allerdings erfordert dies seiner Meinung nach die konsequente Ausnutzung der Wissenschaft in all ihren Facetten und eine stärkere Förderung und Umsetzung auch neuer Technologien, inklusive der Gentechnik. Qaim sieht in der Gentechnik kein Allheilmittel, er hält aber die kategorische Ablehnung in weiten Teilen der hiesigen Bevölkerung für kontraproduktiv in Bezug auf das Ziel der nachhaltigen Produktivitätssteigerung. Allerdings ist nach Meinung des Göttinger Agrarwissenschaftlers eine global ausreichende Nahrungsproduktion nur notwendige und nicht hinreichende Bedingung für Ernährungssicherung. Ernährungssicherheit erfordert auch einen besseren ökonomischen Zugang zu Nahrungsmitteln für alle Menschen. Hierfür ist Armutsbekämpfung zentrale Voraussetzung. Da ein Großteil der armen und hungernden Menschen im ländlichen Raum der Entwicklungsländer lebt, muss, so Professor Qaim, die ländliche Entwicklung höhere Priorität erhalten. Dabei ist eine Förderung der Kleinbauern notwendig, jedoch ohne die kleinbäuerlichen Strukturen zu zementieren. Auch in diesem Sektor wird sich Prof. Qaim zu Folge ein notwendiger Strukturwandel in den nächsten Jahren vollziehen, damit auch hier eine bessere Effizienz und eine Produktion mit mehr Wertschöpfung entstehen können.
Langfristig die Armut mindern

Auch die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe sieht vor allem die Förderung des Kleinbauernsektors in den Armutsländern als einen wirkungsvollen und effizienten Ansatz zur Armutsbekämpfung. Die Überwindung von Hunger und Armut im ländlichen Raum hängt vielfach davon ab, wie erfolgreich der Agrarsektor in diesen Ländern zu angemessenen Einkommen beiträgt. In der Mehrheit der Schwellen- und Entwicklungsländer ist folglich die Förderung von armen Kleinbauern hin zu modernen, ökologisch, wirtschaftlich und sozial nachhaltig wirtschaftenden bäuerlichen Landwirten einer der wichtigsten Hebel nicht nur zur Überwindung des Hungers, sondern auch von Armut. Ziel ist es, so Dieckmann, durch eine wirtschaftlich und ökologisch tragfähige Landwirtschaft langfristig die Armut zu mindern. Die Erträge müssen nicht nur die Produktionskosten decken, sondern auch Überschüsse ermöglichen, so dass Einkommen und Arbeitsplätze geschaffen und gesichert werden können. Bei allen Maßnahmen des Know-how-Transfers gibt es nach Überzeugung der Präsidentin einen ganz entscheidenden Erfolgsfaktor, die Bildung. Die täglich zu erfahrende Realität in vielen Entwicklungsländern ist oftmals Analphabetismus. Hier kommt es darauf an, die Menschen durch angepasste Bildungsmaßnahmen zu befähigen, Know-how aufzunehmen.

Europas Aufgabe sollte nicht darin bestehen, den Rest der Welt mit Einheitsprodukten von hohen technischem Niveau und niedrigen Preisen zu überschwemmen, sagte Martin Häusling. Der EP-Abgeordnete der Grünen führte weiterhin aus, dass selbst die subventionierten und viel zu billigen Agrarpreise offensichtlich nicht einmal in Europa für ein vernünftiges Einkommen der Erzeuger ausreicht. Für ihn sind die Entwicklungsländer der Marktmacht und Marktpräsenz der europäischen Billigprodukte ausgeliefert. Viele haben daher die Möglichkeit von Schutzzöllen geprüft, aber diese sind nur, so Häusling, in wenigen Ausnahmefällen möglich, zum Beispiel auf Weizenmehl im Falle der AKP-Länder. Die EU-Weizenmehlexporteure drängen seiner Meinung nach bei der EU-Kommission aber seit Jahren darauf, genau diese Schutzzölle wieder wegzuverhandeln. Die Quersubventionierung der EU-Exporte als handelsverzerrend anzuprangern ist, nach WTO-Regeln ebenfalls nicht möglich, da Direktzahlungen an die Landwirtschaft nicht unter die „Dumping-Regel“ fallen, solange sie, der „Blue Box“ entsprechend, mit sogenannten „produktionsbeschränkenden Programmen“ gekoppelt sind. Die Beweislast, dass sie dennoch einen Dumpingeffekt haben, liegt bei den Importländern, für die ein solches Verfahren zu aufwändig ist. Zu den aktuellen Überlegungen der GAP-Reform zu sieben Prozent ökologischen Vorrangflächen führte Häusling aus, dass bereits bestehende Biotope enthalten sind. Auch kann man zum Beispiel in Lateinamerika nur schlecht für den wichtigen Erhalt des Regenwaldes eintreten, wenn es in Europa nicht gelingt, die Feldlerche zu schützen.

Chancen und Risiken für Veredelungsprodukte
Für den Landwirt Arndt von der Lage aus dem niedersächsischen Friesoythe bieten die internationalen Märkte reizvolle Chancen für unternehmerisch orientierte Veredlungsbetriebe in Deutschland. Ein nicht zu unterschätzendes Risiko stellt seiner Meinung nach allerdings eine kleinstaatlich ausgerichtete Politik dar. Vor diesem Hintergrund gilt es, sich politisch und gesellschaftlich für eine Liberalisierung der Agrarwirtschaft einzusetzen. Denn mit unserer Leistungsfähigkeit in der Produktion und den hohen Qualitätsstandards der erzeugten Produkte stehen den hiesigen Landwirten viele attraktive Märkte offen. Die Analyse der Wettbewerbsbedingungen zeigt zahlreiche Chancen, aber auch einige Risiken für die Veredlungsproduktion auf. So stellt von der Lage fest, dass im großen europäischen Binnenmarkt grundsätzlich ähnliche Wettbewerbsbedingungen mit einem großen Vermarktungspotenzial bestehen.

Wie bei der Analyse der Wettbewerbszone zu sehen ist, sind sich gewisse Regionen auch länderübergreifend sehr ähnlich in ihrer Produktionsausrichtung und profitieren stark von ihrem Handeln als gemeinsamer Wirtschaftsraum. Daher scheint es möglich, so der niedersächsische Landwirt, bei entsprechenden biologischen Leistungen und wirtschaftlich verantwortungsvollem Handeln erfolgreich am Markt zu agieren. Für wichtig hält er gut ausgebildete Betriebsleiter sowie die Schaffung marktkonformer Einheiten und eine Verbesserung der Kommunikation mit der Bevölkerung. Eine Gefährdung für die positive Ausgangslage geht seiner Meinung nach teilweise von der Landespolitik der Mitgliedsländer der EU-27 aus. Auch wenn mittlerweile die meisten politischen Rahmenbedingungen für die Agrarwirtschaft auf europäischer Ebene gestaltet werden, können häufig Abweichungen oder Verzögerungen bei der Umsetzung in das jeweilige Landesrecht beobachtet werden. Diese Abweichungen sind für die Veredlungsbetriebe nicht zu akzeptieren und schaden uns und der EU nachhaltig, sagte von der Lage.

13.01.2012

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