Genforschung

 

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Genforschung-Veranstaltung in der RLB OÖ

07. Oktober 2010 17:43

Rund 800 Gäste rund um Scharinger, Heberle-Bors & Co.

Sie ist eine der wichtigsten Technologien des 21. Jahrhunderts: Ohne die Gentechnik gibt es keine neuen medizinischen Erkenntnisse. Angewendet wird sie aber auch in vielen anderen Gebieten unseres Lebens. Über die Chancen, Zukunft und Grenzen der Forschung an den Genen diskutierte am Mittwochabend vor rund 780 Gästen in der Raiffeisenlandesbank OÖ eine hochkarätige Runde mit Generaldirektor Ludwig Scharinger: Univ.-Prof. Markus Hengstschläger, Leiter des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien, Univ.-Prof. Erwin Heberle-Bors, Universitätsprofessor für Pflanzengenetik an der Universität Wien, und Univ.-Prof. Gero Miesenböck, Waynflete Professor of Physiology und Direktor des Gatsby-Wellcome Centre for Neural Circuits and Behaviour an der Universität Oxford. 

„In zehn Jahren werden typische Fragen der Psychologie mechanistisch beantwortet werden können“, zeichnete Prof. Miesenböck eine Zukunftsvision seines Forschungsgebietes der Optogenetik, bei der Funktionen des Gehirns durch Lichtreize kontrolliert werden können. „Man ist momentan dabei, mit meinen Forschungsergebnissen neue Therapien zu entwickeln, zum Beispiel bei der Parkinson’schen Krankheit.“ Optogenetik könne zum Beispiel auch durch die Regulierung der Schließmuskeln zu einer wesentlichen Verbesserung der Lebensqualität von querschnittgelähmten Menschen beitragen. „Ganze Netzwerke von Gehirnzellen lassen sich steuern. Man kann sozusagen künstliche Botschaften ins Gehirn schreiben“, so Miesenböck. Derzeit forscht Miesenböck überwiegend an Fliegen, nicht jedoch an Menschen. „Die Psychologie der Tiere lässt sich so auf profunde Art beeinflussen“, so der aus Wels stammende Wissenschafter. Miesenböck sprach sich darüber hinaus für eine Ausweitung der Grundlagenforschung aus: „Das Ziel der öffentlichen Förderung sollte nicht sein, in die Anwendung zu gehen, sondern die Grundlagenforschung zu unterstützen.“ 

„Wir wissen, wo die Knochen und Venen sind“, betonte Prof. Markus Hengstschläger. Die Humanmedizin kann sich jetzt nur mehr weiter entwickeln, wenn man sich das Entstehungsbild einer Krankheit in der Zelle anschaut: „Das Ziel der Genforschung und damit der molekularen Medizin ist es, die Krankheiten der Menschen noch besser zu verstehen lernen und neue Werkzeuge zu entwickeln, ihnen letztendlich mit Prophylaxe oder effizienter Therapie zu begegnen. Hier brauchen wir allerdings eine intensive Grundlagenforschung.“ Hengstschläger relativierte die oftmals sehr emotional geführte Diskussion zum Thema Gentechnik: „Fortschritt ist immer mit Ängsten verbunden. Da muss man Aufklärungsarbeit leisten. Wissenschaft muss transparent gemacht und in breiter Öffentlichkeit diskutiert werden.“ Dass die Zukunft der Medizin in der Gentechnik liegt, ist für Hengstschläger unumstritten. „Das Wissen in diesem Bereich wächst exponentiell – in zehn Jahren werden wir schon sehr viel weiter sein. Die Scheu vieler Menschen vor der Gentechnik wird immer mehr verschwinden.“ Es gebe auch umfangreiche Gesetze und einen breiten internationalen Konsens, was man machen darf und was nicht. 

Prof. Erwin Heberle-Bors sieht angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und einer gleichzeitig konstant bleibenden Anbaufläche großes Zukunftspotenzial der „grünen“ Gentechnik: „Wir müssen auf der gegebenen Fläche mehr als bisher produzieren. Hier kann Gentechnik entscheidende Beiträge leisten.“ Heberle-Bors zeigte sich überzeugt davon, dass es ein Nebeneinander von biologischer Landwirtschaft und den Methoden der Gentechnik geben muss. Er sprach von einer starken Reglementierung: „Viele gentechnisch veränderte Organismen (GVOs) kommen aufgrund der hohen Kosten erst gar nicht auf den Markt.“ Weniger Reglementierungen würden seiner Ansicht nach auch zu einer höheren Akzeptanz in der Bevölkerung führen. „Genforschung und Gentechnik werden von verschiedenen Seiten zum Teil sehr konträr und emotional diskutiert“, meinte Raiffeisenlandesbank OÖ-Generaldirektor Ludwig Scharinger. „Wir wollen uns mit so lebenswichtigen Themen auseinandersetzen und dürfen dieses Thema nicht tabuisieren. Information ist hier eine Bringschuld“, sagte Scharinger. Entscheidend ist die Frage, wie Genforschung den Menschen nützen kann. Denn wenn etwas nicht verstanden oder nachvollzogen werden kann, wird man ängstlich und macht einen Bogen um dieses Thema. Scharinger mahnte auch die Forscher, sich nicht zu vergraben, sondern die Forschungsergebnisse in einfacher Sprache der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen: „Je mehr die Menschen wissen und verstehen, was in der Forschung passiert, desto mehr werden sie zustimmen, wenn die öffentliche Hand Steuergelder in die Forschung investiert.“

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