Schweiz

http://zeit-fragen.ch/index.php?id=158

Bauern brauchen Einkommens- und Investitionsperspektiven

Für die Qualität der Schweizer Agrarprodukte muss der Bauer einen angemessenen Lohn bekommen

Interview mit Robert Hess, Dürnten ZH
thk.

Robert Hess ist Milchbauer, Züchter von Schweizer Braunvieh mit mehreren Auszeichnungen, und er ist Tierhändler. Sein Betrieb gilt als einer der besten in der Schweiz. Auch ist er Mitglied in mehreren Kommissionen, wie zum Beispiel der Tierschutzkommission des Kantons Zürich. Auf Grund seines Zuchterfolges hat er sich weltweit einen Namen gemacht. Zu Bauern in der EU hat er enge Kontakte, und somit hat er auch Einblick in die Agrarpolitik der EU-Staaten. Robert Hess ist ein entschiedener Gegner eines EU-Beitritts der Schweiz. Er hat festgestellt, dass dort die Landwirtschaft stärker subventioniert wird als in der Schweiz und somit die finanzielle Lage der Bauern in Deutschland und Österreich, wenn auch nicht gut, doch vergleichsweise besser ist als in der Schweiz. Robert Hess ist ein Befürworter einer gesunden, unabhängigen Landwirtschaft und setzt sich dafür ein, dass die Bauern in der Schweiz für ihre qualitativ hohe Arbeit angemessen entschädigt werden. Er ist ein Verfechter der unabhängigen und souveränen Schweiz, die ihre Freiheit gegenüber der EU verteidigen und behaupten muss. Dazu braucht es eine Landwirtschaft im eigenen Land, die für die Ernährungssicherheit und somit auch zur Souveränität unseres Landes beiträgt.
Zeit-Fragen: Ich möchte heute gerne mit Ihnen über die Lage in der Landwirtschaft sprechen. Besonders über die Situation der Milchbauern, aber auch ganz allgemein.
Robert Hess: Die Lage in der Landwirtschaft ist schlichtweg verheerend, und zwar weil das Mindereinkommen nicht mehr durch Direktzahlungen ausgeglichen wird. Das im Gegensatz zu den Behauptungen, die häufig g e äussert werden. Diese stimmen so nicht. Ich kann das anhand meines Betriebs nachweisen. Wenn Sie rund 700 000 Liter Milch 50 Rappen billiger abliefern müssen als noch vor 6, 7 Jahren, ergibt das 350 000 Franken weniger Bruttoeinkommen. Der Ausgleich dafür sind 90 000 Franken Direktzahlungen. Sie können sich vorstellen, was das bedeutet. Wie soll das funktionieren? Es werden offensichtlich Unwahrheiten verbreitet, und damit können wir nicht länger umgehen. Als die Milch vor 10 Jahren einen Basispreis von Fr. 1.07 hatte, lag der Preis für ein Joghurt bei 50 Rappen. Heute bekommt der Bauer für den Liter Milch 50 bis 60 Rappen und das Joghurt kostet Fr. 1.10. Was soll man dazu noch sagen?
Schweizer Bauern sind nicht dümmer als die europäischen Bauern. Wenn wir das gleiche Kostenumfeld und die gleichen Auflagen wie in der EU hätten, dabei spreche ich speziell von der Milchwirtschaft und nicht vom Ackerbau, dann ginge es uns nicht besser und nicht schlechter als den Bauern in Europa. Diejenigen, die sagen, die Landwirtschaft bekomme zuviel Subventionen, orientieren sich nicht an der Realität. Wir haben im Verhältnis zu Europa eher weniger Direktzahlungen.
Wie ist das denn konkret bei unseren Nachbarn?
Am Wochenende war ich in Österreich und habe dort eingehend mit den Bauern gesprochen. Damit kein Missverständnis entsteht, ich bin ein entschiedener Gegner eines EU-Beitritts, das kommt für mich nicht in Frage, aber den Bauern in Österreich geht es, seitdem sie in der EU sind, finanziell etwas besser. Sie bekommen mehr Subventionen, und zwar Bundessubventionen und europäische Subventionen. Und wir haben unsere Direktzahlungen, die der nicht bäuerliche Steuerzahler, der desinformiert ist, immer als ein riesiges Geschenk an uns ansieht.
Ich habe gerade 30 Kühe nach Norddeutschland geliefert, ganz in den äussersten Norden, Jerishoe, direkt am Meer. Die braune Rasse verträgt jedes Klima von Südafrika bis in den Norden. Ich habe dort mit dem Kunden über die Aufwendungen gesprochen, die er für den Stallbau hat und für die Betriebskosten und alles, was so dazu gehört. Allein fürs Kraftfutter zahlt er 20 Franken, bei uns kostet das 80 Franken. Das ist nur ein kleines Beispiel, aber es zeigt die Problematik auf. Und das kann es nicht sein. In Österreich erhalten die Bauern 38 Cent für einen Liter Milch, haben aber entschieden niedrigere Betriebskosten. Wenn ich mir überlege, wir Bauern bekämen immer noch Fr. 1,07 wie vor zehn Jahren, dann sähe die Rechnung ganz anders aus. In der heutigen Lage mit unserem Einkommen haben wir weder Einkommens- noch Investitionsgarantien, das ist unser Problem. Aber das kann auf Dauer nicht so weitergehen. Wenn ich das Ganze nur mit meinem Einkommen aus dem bäuerlichen Gewerbe finanzieren würde und nicht mit meinen anderen Aufgaben, die ich noch habe, Aufträge im Agrarrecht sowie Baurechtssachen, müss te ich aufhören. 50 Prozent arbeite ich auf diesem Gebiet. Ohne das wäre eine Investition in einen neuen Stall nicht möglich. Der Betrieb ist schon tragfähig, das geht genau auf, aber Investitionen, ein neuer Stall, der heute Millionen kostet, sind nicht mehr möglich.
Haben Sie ein Projekt in diese Richtung?
Ja, ich möchte einen neuen Stall bauen. Nicht zuletzt wegen der ganzen Auflagen, die wir haben. Die ganze Welt kommt zu uns, unseren Betrieb anzuschauen, aus allen Ländern haben wir Betriebsbesichtigungen, und natürlich auch aus der Schweiz. Und unisono sagen die Menschen: «Das ist ja sagenhaft, der Komfort, den die Kühe da haben, das ist ja sensationell». Die Tierhaltung in Österreich oder in Deutschland, verglichen mit unserer in der Schweiz, das ist teilweise unbeschreiblich. Und immer heisst es: «Das ist doch auch gut. Ich habe es gesehen.» Es ist nicht zu vergleichen. Aber mein Stall ist nicht konform mit den Auflagen, die sich die Schreibtischtäter hier in der Schweiz ausgedacht haben.
Was fehlt denn an diesem Stall?
Ich habe einen absolut topkomfortablen Stall. Die Tiere sind zwar angebunden, können aber jeden Tag nach draussen. Das langt jedoch nicht, weil es nicht genau den Schreibtischtätern entspricht. Ich nenne sie bewusst so. Ich bin in der Tierschutzkommission. Dort sind alle vertreten, aber am schlechtesten diejenigen, die tagtäglich mit den Tieren zu tun haben.
Man hört das auch von anderen, dass die neue Tierschutzverordnung die Bauern in den Ruin treiben kann, weil sie sich für den neuen Stall verschulden müssen.
Ja, und dann sitzt der Bauer in der Schuldenfalle. Das Ganze hängt auch mit den völlig übertriebenen Tierschutzverordnungen zusammen. Aber es gibt noch mehr Faktoren.
In grossen Betrieben werden die Fahrzeuge aus steuertechnischen Gründen geleast. Bei einem Bauern ist das anders. Der least, weil er es anders gar nicht finanzieren kann. Und wenn dann Bauern Kredite aufnehmen oder die Hypothek erhöhen müssen, damit sie einen neuen Traktor kaufen können, dann sind wir wieder bei der Schuldenfalle.
Ich würde gerne nochmals auf den Tierschutz zu sprechen kommen. Wie wirkt sich das aus?
Morgen haben wir Tierschutzkommissionssitzung. Das ist die Kommission, die das umsetzen muss. Wir haben in unserer Tierschutzkommission eine Subkommission gebildet, die Härtefälle, nicht kommerzielle Härtefälle, sondern soziale, bearbeitet. Hier geht es um die Fälle, wenn es keinen Nachfolger für den Hof gibt. Ich sehe nicht ein, dass ein Bauer, der noch fünf Jahre seine Arbeit machen möchte, das alles noch umsetzen soll.
Das wäre vernünftig …
Ja, aber jetzt kommt der grosse Haken. Der Tierschutz wird ausnahmslos so umgesetzt, wie man ihn messen kann. Man fragt nur, wie breit der Stall ist. Man fragt aber nicht, wie mit dem Tier umgegangen wird, das im Stall steht oder liegt. Das ist das Problem. Der Betreuer, der Betriebsleiter, der Tierpfleger, der mit Leib und Seele für die Kuh lebt, der hat keinen Einfluss. Wir putzen jeden Tag jede Kuh. Die Frage ist doch nicht nach zwei Zentimetern mehr oder weniger. Nein, es kommt darauf an, wie man die Kuh behandelt. Und wer seine Tiere gut behandelt, hat auch mehr Leistung. Frau Sommaruga, die ehemalige Konsumentenschützerin, war hier auf dem Betrieb. Und ich habe ihr klargemacht, dass die Tiere diese Leistung bringen, weil man sie richtig hält.
Der Tierschutz von heute ist völlig übertrieben. Jedes Huhn muss aus der Batterie, aber jedes Kind in ein Hochhaus. Was ist das für eine Einstellung? Ich bin ein Tierschützer, aber ein echter. Wenn mein Hund nicht mehr laufen kann, wird er erlöst. Das ist doch völlig klar. Es ist doch völlig übertrieben, was man heute für die Tiere alles anbietet an Operationen. Bei den Menschen reden wir von einer Zweiklassenmedizin. Ist das noch normal? Eine 80jährige behandelt man nicht mehr, weil sie so oder so nicht mehr lange lebt. Aber die Katze bekommt eine Krebsbehandlung. Wenn die Würde des Tiers über der des Menschen steht, dann geht das entschieden zuweit.
Wo spüren Sie noch die scharfen Verordnungen des Tierschutzes?
Zum Beispiel beim Verladen einer Kuh. Jeder, und ich mache das seit 40 Jahren, der Tiere transportiert, muss heute einen Kurs besuchen, wie man die Tiere richtig verlädt. Da lernt man, wie man einer Kuh gut zuredet, damit sie in den Wagen steigt. Für den Besuch des Kurses bekommt man einen Stempel. Wenn man den nicht hat, kann man zum Beispiel bei der Migros nicht mehr abladen. Wenn man darauf angewiesen ist, dann muss man den Kurs besuchen, man ist quasi gezwungen. Aber mir bringt das nichts. Und so gibt es viele Beispiele.
So ist es auch mit dem Güllen, wir werden kontrolliert wie Schulbuben. Ich bin auch dagegen, Gülle in den Bach zu kippen. Aber das kann schon mal passieren. Was sind das für Probleme im Gegensatz zu dem, was wir sonst an Umweltverschmutzung haben? Aber wir Bauern werden zur Kasse gebeten.
Was ist das Ziel dieser Politik?
Ich habe den Eindruck, das Ziel ist ganz klar, den Verfassungsartikel «60 Prozent Selbstversorgung» zu übergehen, das zu untergraben und die Schweizer Landwirtschaft auf einen ökologischen Blödsinn zu reduzieren, die Ware in Zukunft zu importieren und den Freihandel zu fördern. Ein kleines Beispiel: Exportbeiträge für Waren, die exportiert werden, sind eine dringende Notwendigkeit. Damit können wir den Schweizer Markt etwas entlasten, können unsere Zukunft fördern, können in anderen Ländern etwas aufbauen. Die Frage ist natürlich, wer die Exportbeiträge bekommt. Das sind nicht nur die Bauern. Exportgarantie und Ähnliches bekommen wir natürlich nicht. Wir wären froh, wenn wir nur die kleine Differenz, die durch das billigere Kostenumfeld in den Exportländern entsteht, ausgezahlt bekämen.
Da braucht es doch Unterstützung aus der Politik.
Ja, da sind wir auf einem guten Weg dank Parlamentariern, die nicht einmal unbedingt aus bäuerlichen Kreisen kommen. Die stellen sich auf den Standpunkt, dass unsere Nahrungsmittel immer noch ökologischer sind als all das, was wir aus dem Ausland einführen. Wir müssen Allianzen nicht mehr bei den Bürgerlichen suchen, sondern leider woanders. Das ist, was mich am meisten enttäuscht, dass bei den Bürgerlichen oft nur die Eigeninteressen gelten. Damit man aber in der Landwirtschaft etwas ändert, muss man profunde Kenntnisse haben, andernfalls kann man nichts im Positiven verändern. Was wir heute haben, ist keine Landwirtschaftspolitik, sondern ein «Landwirtschaftsschlamassel». Was das BLW bietet, verdient nicht den Namen Politik.
Was wäre in Ihren Augen eine sinnvolle Landwirtschaftspolitik?
Ein Problem ist, dass man die Strukturen ständig ändert und niemand so recht weiss, was jetzt Gültigkeit hat. Ein Beispiel: Gestern durfte man im Winter keine Ackerfurche ziehen, und heute muss der Bauer das; früher musste man im Winter begrünen, heute ist es verboten. Man muss doch irgendwo ein Fernziel haben, wie man die Politik gestalten möchte. Das heisst, dass dies auch im Einklang mit der wirtschaftlichen Entwicklung stehen muss. Die Landwirtschaft hat einen bedeutenden Anteil an der Volkswirtschaft, die vor- und nachgelagerten Stufen haben ein sehr grosses Volumen. Die Landwirtschaft leistet einen wesentlichen Beitrag ans Bruttosozialprodukt. Das haben wir aber verkannt, und wenn wir das alles über den Staat abwickeln würden, könnten wir es nicht mehr bezahlen.
Wenn die Zahl 4 Milliarden im Raum steht, die die Landwirtschaft im Jahr erhält, ergibt sich ein ganz falsches Bild. Die Bauern bekommen nur die Hälfte, der Rest geht an landwirtschaftliche Schulen und Forschungsanstalten (FAT), Korn- und Milchverwerter usw. sind alle Nutzniesser davon. Es heisst aber immer nur, die Bauern bekämen das Geld. Haben Sie schon einmal gehört, dass auch ein Milchverarbeiter wie Emmi Subventionen bekommt? Wer weiss das schon? Aber alle zeigen auf die Bauern, das ist das Problem. Der Steuerzahler weiss das alles nicht, und deshalb sind wir Bauern einem Imageverlust unterworfen.
Warum müssen die Bauern börsenkotierte Abnehmer haben? Diese Frage stellt sich mir immer deutlicher. Das soll mir mal jemand erklären.
Da geht es um den Gewinn, um die Dividende. Wenn in der Schweiz verarbeitete Produkte für den Export immer günstiger werden, indem Druck auf den Preis des Produzenten ausgeübt wird, aber jeder, der nachher das Produkt weiterverarbeitet, bekommt dafür einen Schweizer Lohn, dann geht etwas nicht auf. Der Verarbeiter hat seine Pensionskasse, seine Altersvorsorge usw. Haben Sie schon mal eine Pensionskasse für den Bauern gesehen? Gibt es nicht. Nur die dritte Säule, und das muss erst erwirtschaftet werden. Von 10 Bauern können 9 keinen angemessenen Betrag einzahlen, denn von 10 Bauern lebt die Hälfte von der Substanz.
Auch wenn hier jetzt viel Kritik zur Sprache kommt, dürfen Sie mich nicht falsch verstehen. Ich sehe sehr wohl die Vorteile eines Bauernbetriebs für die Familie, für die Kinder, die hier aufwachsen können. Wir haben Freiheiten, die andere Leute nicht haben, aber wir haben auch sieben Tage in der Woche Pflichten.
Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft aus, wenn der aktuelle Trend so weitergeht?
Nur noch biologischer Landbau, und der Rest wird durch den Freihandel importiert. Wir können dann noch ein bisschen Landschaftsgärtner spielen, ein paar Tiere halten, damit die Kinder nicht ins Ausland müssen, um zu sehen, wie eine Kuh aussieht und wo die Milch herkommt. Wir steuern auf einen ökologischen Extrempunkt hin, damit die Produktion möglichst tief bleibt, die Waren importiert werden müssen und wir uns in Richtung Freihandel bewegen und am Ende noch Richtung EU.
Was bedeutet das für unser Land?
Wir werden erpressbar. Aber ehrlich gesagt, wir lassen uns erpressen, solange wir noch genug zu essen haben. Das ist die grosse Schwäche, die wir haben: Wir lassen uns von Gaddafi erpressen, von den Israeli, von den Deutschen, und die USA wollen uns immer sagen, was wir zu tun haben. Das ist doch unerträglich. Wir können auch schon ja sagen, bevor uns überhaupt jemand gefragt hat.
Was wäre denn ein Lösungsansatz?
Wenn wir Bauern einen marktgerechten Preis erhalten würden, dann bräuchten wir keine Direktzahlungen. Das Verhältnis von 50 Rappen für den Liter Milch und Fr. 1.50 als Verkaufspreis im Laden ist doch absurd. Das Heissmachen und Verpacken von Milch ist mehr wert als die teuren 100 Kühe, die hier im Stall stehen, mit allen Auflagen und was sonst noch dazu gehört. Das ist doch unglaublich.
Was könnten wir verbessern? Was könnte man der aktuellen Landwirtschaftspolitik entgegensetzen?
Solange wir mit diesen Auflagen und diesem Kostenumfeld produzieren müssen, wie es heute besteht, so lange müssten wir ganz andere Produktpreise haben. Den Export kann man so vergessen. Wir haben nur Möglichkeiten, in Nischen zu exportieren. Und für diese Produkte spielt meist der Preis keine Rolle. Wenn die Schweiz früher eine Drehbank ins Ausland exportiert hat, dann vor allem deshalb, weil sie qualitativ so viel besser war, dass der Export überhaupt kein Problem war.
Aber zurück zur Landwirtschaft. Solange die Auflagen so sind, müssen wir die Grenze weitgehend geschlossen halten und unsere Produkte im Land verkaufen. Etwas anderes ist nicht möglich. Ich möchte einen Produktpreis, der meine Arbeit entschädigt. Noch etwas kommt dazu. Man hält die Agrarpreise künstlich tief, um die Menschen zu beruhigen. Wenn alles im gleichen Masse aufgeschlagen hätte wie Wohnungen, Investitionsgüter usw., hätten wir einen Milchpreis von 5 Franken. Wenn wir uns überlegen, dass vor 30 bis 40 Jahren die Menschen bei uns 30 Prozent von ihrem Lohn für Nahrungsmittel ausgegeben haben und wir heute bei 7,5 Prozent liegen, dann müssen die Lebensmittel wieder einen höheren Stellenwert bekommen.
Wie könnte man das Bewusstsein stärken?
Wir müssen uns bewusst sein, dass wir die Landwirtschaftspolitik nicht von heute auf morgen ändern können. Es müsste bei den Politikern wieder Vernunft einkehren. Diese Unvernunft hat auf die Basis abgefärbt. Viele Bauern wissen nicht, was eigentlich gilt. Und so schaut jeder nur noch für sich und ob er überleben kann, bis er 65 ist. Was wir wieder dringend brauchen, ist eine Investitions- und Einkommensperspektive. Und was man auch noch berücksichtigen muss, was bei einem bäuerlichen Unternehmen eben anders ist als bei einem industriellen Unternehmen: Die Verbundenheit zur Scholle. Man hängt an seinem Land, das man bewirtschaftet, hegt und pflegt und mit seinen eigenen Händen er- und bearbeitet hat. Das darf nicht vergessen werden.
Vielen Dank für das Gespräch.•

Quelle: Blauen-Institut, Switzerland

Switzerland : If People Are Asked They Say NO To GMOs

Florianne Koechlin, February 2011

27.11.2005 was a special day for Switzerland: All Swiss persons age 18 and older were asked to vote if they wanted a five years moratorium on commercial releases of GM crops in Switzerland: Yes or No. The initiative (1) was accepted by 55,7%. The main point being: Every single district, all 26 of them, said Yes to the moratorium. The moratorium is now part of the Swiss Constitution.

For the initiative we had to collect 110’000 signatures – which turned out to be quite easy. But still the positive result was a real surprise. The Swiss Government, the national Parliament, all middle and right wing parties as well as main stream science opposed the initiative. Their campaign contained all the known arguments: damage for the research location Switzerland, loss of jobs, economic disadvantages etc.

A historian told us that it was the first time ever in Swiss history that an initiative was won in all 26 districts, against the opposition of Government and Parliament. (There was one other initiative won in all districts: a request that August first, our national day, should be a public holiday – but this initiative was supported by the Government and all parties).

So: When people are asked about whether they want GMOs or not, they say No. The amazing support for the moratorium came from all the ‘usual suspects’ as well as many supporters of conservative, pro GMO-parties who voted against their own party’s doctrine and also from people who normally do not bother to vote. So even in the home-country of Syngenta, Nestlé, Novartis &Co people say No to GM food. Interestingly these companies did not feature in the campaign against the referendum; it was the scientists and politicians who spoke on their behalf.

An important condition for the success of the initiative was the extremely broad coalition in support of it. You might say that a five years moratorium is not much, and some of the more radical NGOs (GreenPeace among them) did not support the initiative in the beginning. But this moderate request made it possible to build up a coalition from right to left. The conservative Swiss farmers union was on the boat, as well as the ‘country women Switzerland’, all organic farmer associations, all consumer, Third World, environment NGOs and many more. The driving force was the SAG (Schweizerische Arbeitsgruppe Gentechnologie), an umbrella organisation of all GMO-critical NGOs in Switzerland, where I’m on the steering committee. It was the first time that such a broad (and fragile) coalition took shape.

The ban on GM crops – and mainly the nationwide and intensive discussion of the moratorium before the vote – had a domino effect. Although some transgenic maize and soja lines are authorized in Switzerland, there is no GM food on offer on the market. And the amount of feed imports has decreased from year to year. Today, according to the statistics of the agriculture department, 99,9% of feed imports are GMOfree. So we’re proud to say that Switzerland is GMO-free: no commercial releases, no transgenic food in the shelves, no transgenic feed on the market. And only three small experimental releases, which turned out to be a scientific fiasco (2).

A few years later, in 2009, the 5th conference of GMO-free regions in Europe was hosted in Lucerne, Switzerland. Switzerland, it seemed, offered possibility to more democracy, and a means to establish a moratorium for commercial releases of GMOs. To be clear: I’m not very proud of being Swiss in many aspects, but this legal possibility of the initiative and referendum seems to me to be a valuable model for people participation, for involving people in the democratic process.

Also in 2009, a year before the moratorium ended, there was a national discussion about how to proceed. Government and Parliament decided to prolong the moratorium for another 3 years, till 2013. What happened? Government and Parliament were still (nearly) the same, and still a majority of GMO-supporters. But it had become clear that the moratorium (which does not include experimental releases of GMOs) had in no way had a negative impact. (Also, of course, everybody knew that if they would not agree to a prolongation we would start another initiative).

To cite from the recommendation of the Government to the Parliament:

„The Government’s opinion is, that neither in agriculture nor for consumers there is an urgent need for GMOs in food.“

“ According to consumer opinion there is not only no need for GMO products, but the rejection of them is perceived even as an advantage. What consumers want are high-quality, natural foods which have not been genetically modified.“

„In the long run the three year extension of the moratorium has no effect for the economy as a whole. No consequences are to be expected for the job market or for the attractiveness of Switzerland as a location for business.“

The moratorium turned out to be a good selling argument too: Swissness includes gentech free food. A competitive advantage on the European and international market for an agriculture which, in small spaced and hilly Switzerland, consists of many small farmers who have difficulties competing against vast monocultures.

Notes

(1) The Swiss constitution contains two tools for peoples participation other than elections:
With an initiative you can provoke a vote for a new article of the Swiss constitution. You have to collect at least 100’000 signatures in less than 18 months. Most initiatives are declined by the voters. With the referendum you can provoke a vote if you oppose a new law. You have to collect at least 50’000 signatures in less than 6 months. Changes in the Constitution are automatically put up for a vote.

(2) Transgenic mildew resistant wheat plants. Outside the greenhouse the production sank by 50% and they were 40% more susceptible to ergot, a toxic fungus.

Quelle: Blauen-Institut

Gentech-news 232     Februar 2011

232.5   Schweiz : besser verdauliche – und gentechfreie – Sojabohne

Swiss Develop Better Digestible GM-Free Soybean

All About Feed, The Netherlands, 16.12.2010, (zitiert von GENET news)

Recently, researchers at Agroscope Changins-Wädenswil ACW in Switzerland have, through conventional breeding methods, developed new soybean varieties with a lower trypsin inhibitor level.

This approach is cheaper and more environmentally friendly than the industrial processes in which the inhibitor is destroyed by heating.

Soy is an important source of vegetable protein in animal feed. The soy bean contains between 40% and 50% protein and about 20% oil. Main proteins are glycinin and conglycinin. These include a well-balanced content of essential amino acids.

The exception is sulphur-containing amino acids such as methionine and cysteine, which are present only in very low concentrations in the soy bean.

Raw soybeans contain a temperature-sensitive inhibitor that restricts the ability of animals to take full advantage of the proteins of the bean.

Except for ruminants the inclusion of raw soybeans in animal diets leads to disturbances in protein digestion. This occurs because certain soy constituents (so-called anti-proteases) inhibit two protein-cleaving enzymes of the pancreas (trypsin and chymotrypsin).

Two ways of trypsine removal

Without the inhibitors from soybeans, the digestive enzymes trypsin and chymotrypsin, which are rich in methionine and cysteine, are decomposed in the digestive tract into amino acids that are useful to the animal. Therefore it makes sense to take away the inhibitors from the animal feed ban.

By various industrial processes based on a heating of the (crushed) soybeans, it is possible to reduce the levels of inhibitors. However, from an economic and environmental point of view is better to avoid these treatments, because they are expensive and require much energy. They also prevent the farmer to directly feed soy to his animals.

In order to find a more natural way of minimising trypsin inhibitors in soybeans the soybean breeding group of Agroscope ACW started some ten years ago with conventional breeding methods to breed soybean varieties without trypsin inhibitor.

In 2009, in the first series, early-and late-maturing soybean varieties emerged that possess this characteristic.

Should the 2010 results confirm the excellent results, then a new Swiss early soybean variety with high nutritional value for the test in 2011 will be proposed. This will expand the possibilities of using this valuable culture in the near future.

http://www.sonntagszeitung.ch/wissen/artikel-detailseite/?newsid=153963 Grüner Gentechnik droht das Aus

Enorme Kosten, politisches Abwarten: Niemand weiss mehr, wie es mit den Freilandversuchen weitergehen soll

Von Nik Walter

Die letzte Ernte ist eingefahren. Vermutlich für lange Zeit werden auf Schweizer Äckern keine gentechnisch veränderten Nutzpflanzen mehr wachsen – nicht einmal für die Forschung. Nach drei Jahren Freisetzungsversuchen mit Gentechweizen auf einem Feld der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz Tänikon (ART) wurden dort vor knapp zwei Monaten die letzten Ähren geerntet.

Das Ende der dreijährigen Feldversuche im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 59 zu «Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen» (NFP 59) könnte auch das Aus für die grüne Gentech-forschung in der Schweiz bedeuten. Denn niemand weiss, wie es weitergehen soll. «Ich glaube nicht, dass es in der Schweiz noch Frei- setzungsversuche geben wird», sagt etwa Dieter Imboden, Präsident des Nationalen Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds (SNF).

Militante Gegner wollten mehrmals Felder zerstören

Der Pessimismus des obersten Forschungsförderers hat guten Grund: Freilandversuche sind wegen des Sicherheitsaufwandes wie Umzäunung und Rund-um-die-Uhr-Bewachung mittlerweile so teuer, dass sich keine einzelne Forschungsgruppe die dafür anfallenden Kosten leisten kann. Für die Feldversuche im Rahmen des NFP 59 musste deswegen sogar ein Zusatzkredit gesprochen werden: Militante Gentechgegner hatten mehrmals versucht, die Felder zu zerstören. Letztlich waren die Kosten für die Sicherheit etwa gleich hoch wie der Aufwand für die eigentlichen Forschungsprojekte.

Als Resultat der Sicherheitsaufwendungen liegt heute bei der ART in Zürich-Reckenholz ein zwei Hektar grosser Versuchsacker mit doppelter Umzäunung und Videoanlage brach. Seine Zukunft ist höchst ungewiss, die Finanzierung über das NFP 59 hinaus noch ungelöst. Laut dem Agronomen Michael Winzeler, Mitglied der ART-Geschäftsleitung, würde der ganzjährige Betrieb etwa 750 000 Franken veranschlagen. Die ART, so die Idee, könnte mit ihrem technischen und agronomischen Know-how den Betrieb gewährleisten und das Gelände Forschern für Freisetzungsversuche zur Verfügung stellen.

Solche Pläne stossen auf wenig Gehör. Einzig beim Staatssekretariat für Bildung und Forschung (SBF) macht man sich derzeit Gedanken darüber, welche Infrastruktur man ab 2013 generell für die Forschung bereitstellen will – dazu zählt auch ein Sicherheitsgelände für Freisetzungsversuche.

Genau dies fordert auch der Zürcher Ständerat Felix Gutzwiller. «Es wäre schade, wenn man diese Technologieplattform aufgeben würde», sagt der Vizepräsident der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK). Denn: «Die Schweiz kann es sich nicht erlauben, einzelne Forschungsbereiche auszublenden oder zu verunmöglichen.»

Darauf würde es aber hinauslaufen, falls Freilandversuche künftig faktisch nicht mehr möglich, weil zu teuer sind. Denn die grüne Gentechforschung ist auf Freilandversuche angewiesen. «Man kann die Erfahrungen aus dem Labor oder dem Gewächshaus nicht aufs Feld extrapolieren», sagt der Pflanzen-Biotechnologe Wilhelm Gruissem von der ETH Zürich.

Doktorarbeiten zum Bereich Gentechpflanzen sind selten

Dem stimmt Maya Graf zu, grüne Nationalrätin BL und ebenfalls Mitglied der WBK. Die Gentechgegnerin sagt auch, dass solche Versuche weiterhin möglich sein sollten, räumt dem Thema aber nicht oberste Priorität ein. «Wenn man begrenzte Gelder hat, dann muss man abschätzen, was für uns relevant ist und wo wir an der Spitze bleiben wollen.» Graf würde lieber mehr in die Biolandbau-Forschung investieren.

Dass Freilandversuche für die grüne Gentechforschung zentral sind, haben nicht zuletzt Experimente im Rahmen des NFP 59 gezeigt. Ein Forscherteam um Bernhard Schmid von der Universität Zürich testete vier gentechnisch veränderte, gegen Mehltau resistente Weizenlinien, die im Gewächshaus etwa einen doppelt so hohen Ertrag abwarfen wie vergleichbare nicht-resistente Linien. Im Freilandversuch büssten dann zwei der Linien wegen diverser Umwelteinflüsse massiv an Ertrag ein. Für den ART-Agronomen Michael Winzeler war dies indes keine Überraschung: «Ähnliche Probleme kennen wir auch bei der konventionellen Züchtung.»

Sollten künftig Freisetzungsversuche nicht mehr möglich sein, ginge auch das spärlich vorhandene Know-how auf dem Gebiet der Pflanzen-Biotechnologie verloren. Schon heute entscheidet sich kaum mehr ein Schweizer Studierender für eine Doktorarbeit in diesem Bereich – angesichts der kritischen Stimmung in der Gesellschaft gegenüber der Gentechnik bei Lebensmitteln verständlich. «Ich kann ihnen das nicht verübeln», sagt Gruissem.

Auch deshalb beschloss der Bundesrat 2005 das NFP 59. Parallel zum Gentechmoratorium, das den kommerziellen Anbau von Gentech-Pflanzen untersagt, sollten die Forschenden Antworten vor allem auf Sicherheits- und Koexistenzfragen liefern. Bei Letzteren geht es darum, ob ein Nebeneinander von konventionellem und Gentechanbau in der kleinräumigen Schweizer Landwirtschaft möglich ist.

Das Moratorium, das die Forschung explizit vom Verbot ausnimmt, läuft Ende November aus, wurde vom Bundesrat aber um drei Jahre verlängert. Einige Teilresultate des NFP 59 liegen mittlerweile vor: etwa die Erkenntnis, dass sich Gentechweizen punkto Sicherheit von normalem Weizen nicht unterscheidet. Der Schlussbericht wird für Sommer 2012 erwartet.

Bis dahin will die Politik abwarten. Als nächsten Schritt werden sich die WBK und das Parlament dann wohl um die geplante Koexistenzverordnung kümmern. Man darf eine hitzige Debatte erwarten. Da könnte es gut sein, dass die Anliegen der Forscher unter den Tisch fallen und die pessimistischen Befürchtungen von Dieter Imboden wahr werden.

An der ART hat man derweil noch ein wenig Geduld: Ein, zwei Jahre könne man noch warten, sagt Winzeler. «Bis die Infrastruktur in sich zusammenfällt.»